Die Altzen und die Zukunft
Bitte. Werfen Sie mir ruhig Altersdiskriminierung vor. Aber ich meine es völlig ernst und ehrlich: Mit 71 sollte sich niemand berufen fühlen, an die (auch nur erweiterte) Spitze eines Landes zu treten.
Die vielen alten weißen Männer mit 73 (Xi Jinping), 74 (Vladimir Putin) und 80 (Donald Trump) haben die Welt genug ins Chaos gestürzt. Die Liste der gefährlichen Greise ließe sich beliebig verlängern, würde man ihr unglückliches Wirken auf so mancher nationalen Ebene betrachten.
Und jetzt fühlt sich bei uns, im kleinen Österreich, ein 71jähriger berufen, eine einstmals große Partei zu neuen, schwindelnden Höhen emporzuführen? Danke, wir Alten sollten uns nicht anmaßen, eine Zukunft gestalten zu wollen, die wir selbst nicht mehr haben. Weisheit wäre vielleicht eine gute Zutat, den Weg in die Zukunft zu begleiten. Entdecken, gehen und bewältigen müssen ihn die Jüngeren – ihnen gehört die Zukunft, so wie sie früher einmal uns gehört hat.
Jetzt sollten wir uns froh und glücklich schätzen, dass uns die Gegenwart gehört. Und sollten in ihr leben. Uns über die Erfolge der Jungen freuen, ihnen vielleicht mit unserer Erfahrung zur Seite stehen – freilich nur, wenn sie uns danach fragen – und sie unterstützen.
Was im Kleinen stimmt (in der Familie, in generationenübergreifenden Freundschaften, in der Arbeitswelt), gilt auch in der Politik.
Freilich: Der alte Herr, der sich ungefragt und ohne Not an die SPÖ-Spitze drängen will (statt sich gemütlich auf seinen Millionen auszuruhen), hat wenigstens einen Unterhaltungserfolg erzielt. Und einmal mehr bewiesen, dass Sprichwörter auch stimmen, wenn man sie umdreht. Beispiel gefällig? Bitte sehr:
Torheit schützt vor Alter nicht.
Eben.
P.S.: Bis nächsten Freitag!
Der trügerische goldene Pinsel
Wenn die Tage kürzer und die Temperaturen unwirtlicher werden, dann beschäftigen wir Alten uns (noch) öfter mit Erinnerungen. Das kann mehr als gefährlich sein. Was sind sie denn eigentlich, diese Boten aus dem eigenen Untergrund?
Halten wir uns nur so gerne in imaginären Innenräumen auf, weil wir mit dem, was wir heute haben, hadern? Weil früher alles einfacher, aufregender, schöner gewesen ist? Naja, natürlich ist das Leben mit den vielen Jahren anders geworden – auch schwieriger, eingeschränkter, mühseliger. Aber ehrlich gesagt: Die Erinnerung an die herrlichste Rose, die mir einst geschenkt wurde, kann nicht mithalten mit dem Zauber des Gänseblümchens, das sich auch unter dem schon recht eisigen Wind noch in der Herbstwiese öffnet. Es ist klein, es ist unspektakulär, aber es ist da – hier und jetzt.
Sind die Erinnerungen womöglich ein selbst errichtetes Hindernis, das späte Leben zu genießen, das uns von der Welt und der Gegenwart abschottet? Oder sind sie ganz in Gegenteil ein Echo all des Wunderbaren, das uns einmal geschenkt wurde und das uns weiter die Seele wärmt, abrufbar, wenn wir es brauchen? Es gibt sie ja auch in allen Ausprägungen – sie können quälen, belasten, beruhigen, erfreuen, sie können unser innerstes Geheimnis sein oder etwas zum Teilen (besonders mit den staunenden Enkelkindern). Sie können uns den Schlaf rauben oder uns in schöne Träume gleiten lassen.
Irgendwo habe ich unlängst gelesen: Die Erinnerung malt mit dem goldenen Pinsel. Wie schön, dachte ich zuerst. Aber leider auch: wie wahr. Die goldene Schönfärberei merkt man nämlich dann, wenn man eine besonders gehätschelte Erinnerung an der Wirklichkeit misst. Bei manchen Dingen geht das. Mit taufrischen 17 las ich „das“ Buch meines Lebens, einen 900-Seiten-Wälzer, den ich zur unerreichbaren Messlatte alles Geschriebenen hochstilisierte. Bis, ja, bis ich mir eine besondere Freude machen wollte und nach Jahrzehnten wieder hineinlas: Das ist mein Nonplusultra? Ein guter Lektor hätte mindestens zwei Drittel gekürzt und dann wäre die Meisterschaft fraglich… Oh, wie unrecht habe ich wegen dieser Erinnerung den Dickens, Dostojewskis und Perutzs dieser Welt getan!
Oder der Schock, als ich der besten aller Töchter unbedingt den wunderbarsten Ort meiner Kindheit zeigen wollte! Aus dem idyllischen, altmodisch-beschaulichen Nest am Seeufer war eine marktschreierische Touristenfalle geworden. Oh, hätte ich’s doch bei der Erinnerung belassen…
Und da erwacht dann der nagende Zweifel: Sind meine Erinnerungen nur durchs Abliegen immer schöner geworden? Weil ich sie mir selbst immer schöner geredet habe? Schwinge ich womöglich selbst den goldenen Pinsel? Wird schon ein bisschen so sein – und das ist ja auch nicht schlecht. Zumindest, solange ich damit dem Heute nicht unrecht tue und das Morgen nicht vergesse.
P.S.: Am nächsten Freitag lesen wir uns wieder!
Der Super-Regenschirm
Ist Alter eine Schande?
Fast könnte man es glauben, schaut man den Anstrengungen zu, mit denen manche beweisen wollen, dass sie gar nicht alt seien. Was ohnehin meist fehl schlägt. Was will man eigentlich beweisen? Dass Alter keine Rolle spielt? Dass man über die Last der Jahre triumphiert? Dass man gar nicht so alt wäre, wie man ist?
Als ob Alter ein Makel wäre.
Unfug. Aber natürlich: Es verändert. Und so traurig es ist: Das Alter macht Probleme, mit denen jeder für sich umgehen lernen muss. Aber man muss sich nicht dafür genieren – und auch dafür nicht, dass man Hilfsmittel braucht, um etwaige körperliche Defizite auszugleichen.
Manchmal betrachte ich es als gezielte Gemeinheit gegen uns Alte, wenn ich im Supermarkt Adleraugen bräuchte, um Inhaltsstoffe, Preis-Informationen etc. zu entziffern. Wo die Lesebrille nicht hilft, nehme ich halt jetzt die Lupe – die ich wie ein aufmüpfiges „Ätsch“ gegen junge Alten-Verspotter als App auf dem Handy mit mir trage. Da soll mir noch einer kommen mit dem „Hehe, die alte Oma“-Grinser! Abfälliger Spott? Wird gezielt überhört – auch wenn das Hörgerät nichts ungehört lässt. Ich habe als innere Aufmunitionierung eine Postkarte an der Kühlschranktür hängen, die mein neues Credo verkündet: „Wer mich Alte nennt, dem drohe ich mit meiner Krücke und werfe ihm auch noch mein Gebiss nach“.
Aber Spaß beiseite – es ist keine Schande, nächtens keine anstrengenden Autofahrten unternehmen zu wollen, weil das für Augen und Neven zu anstrengend ist. Es ist auch keine Schande, eine Gehhilfe zu verwenden, wenn Unsicherheit und Sturzgefahr zunehmen. Es ist keine Schande, mehr Zeit in Anspruch zu nehmen, weil man langsamer geworden ist – beim Gehen, aber auch beim Reagieren. Auch dass die Kräfte abnehmen, ist kein Makel – besonders in einer Welt, wo man ein Bodybuilder in Höchstform sein muss, um den Schraubverschluss einer Mineralwasserflasche zu öffnen.
Zugeben sollte man es können und sich helfen – oder auch helfen lassen. Klar, man war schon schöner, schneller, stärker – jetzt ist man das eben nicht mehr, dafür weiser (Scherz!), entschleunigter (das ist doch hochmodern!), lustiger. Und Humor ist der Regenschirm nicht des Weisen, wie Erich Kästner glaubte, sondern des Alten.
P.S.: Sie wissen schon: Freitag wieder!
