Schafft das D-Wort ab!
Wenn es darum geht, dass die Welt durch „richtige“ Sprache verbessert werden soll, gehen die Emotionen hoch. Alt, wie ich bin, sehe ich das gelassen. Ich denk‘ mir mein Teil und bin nur traurig, wieviel Sprach-Schönheit verloren geht. Beim Aufheulen gegen einzelne Wörter kann ich schon eher mit, auch wenn es mir die Haare aufstellt, wenn man nach dem modisch-bierernsten Reinheitsgebot Shakespeare & Co verbessert.
Heute aber bin ich kämpferisch und werfe meinen Fehde-Handschuh in die Arena: Schafft das D-Wort ab!
Hört auf, unablässig mit Fall-Zahlen, Kostenschätzungen und gesellschaftlichen Katastrophen der Demenz zu orakeln.
Das Wort Demenz allein schon ist diskriminierend – heißt es doch „ohne Geist“. Es ist ungenau, weil es das Endstadium eines Krankheitsverlaufs als Etikett benützt – wir sagen doch auch „Leben“, obwohl das Endstadium unvermeidlich der Tod ist.
Und wenn das alles noch nicht Grund genug ist: Das D-Wort macht Angst. Und so ist die wirkliche Epidemie die Angst vor Demenz – und nicht die kognitive Einschränkung an sich (ja, so umschiffen Altersmediziner das böse D-Wort). Diese leider immer noch raren Altersmediziner warnen sogar davor, dass man durch die Bilder, die das Wort transportiert, bei alten Menschen einen verfrühten „sozialen Tod“ beobachten kann. Man glaubt, weil man sich einmal an einen Namen nicht erinnert oder die Schlüssel verlegt hat (hat man das nie getan, als man noch jünger war?!), die Symptome der Demenz festzustellen und zieht sich zurück, möchte niemandem zur Last fallen und glaubt nurmehr eine todtraurige Zukunft zu haben.
Also schafft das D-Wort ab.
Und redet über die Fakten: Bei 2 Prozent (!) der Über-60-Jährigen und 20 Prozent (!!!) der Über-80-Jährigen wird eine kognitive Einschränkung diagnostiziert. Das ist zum Glück kein Massen-Schicksal. Und – Hoffnung keimt auf! – bei einem Teil kann man behandeln, ja sogar heilen, da diese Einschränkungen durch Vitamin B12-Mangel, Schilddrüsenprobleme und sogar falsche Medikation verursacht sind.
Die tatsächliche Erkrankung durchläuft sieben Stadien – in den ersten fünf kann der Betroffene mit punktueller Alltags-Unterstützung und guter geriatrischer Betreuung sein eigenständiges Leben weiterführen. Auch das ist eine gute Nachricht, von der wir zu selten hören: Das Alter mit seinen Erkrankungen ist kein unaufhaltsamer Absturz in die totale Abhängigkeit.
Also: Schafft das D-Wort ab, die Stigmatisierung alter Menschen als „demnächst ohne Verstand und nur mehr eine Milliardenbelastung für die Jüngeren“. Alle würden leichter leben: Die Gesellschaft, die uns sonst nur als Kostenverursacher sieht; die Gesundheitspolitiker, die überfordert sind, weil sie seit Jahrzehnten die „alternde Gesellschaft“ ignoriert haben; vor allem aber wir Alten, denn vielen von uns frisst die Angst die Lebensfreude auf.
P.S.: Wie lesen uns bald wieder!
Alt ist alt ist alt… Wirklich?
Warum sagt man uns Alten immer öfter und immer offener: Du gehörst nicht mehr dazu? Freundlicher ausgedrückt: Wieso verstehen weder Staat noch Wirtschaft, dass das Ignorieren der Vielfalt eines Fünftels der Bevölkerung respektlos, undemokratisch und unlogisch ist?
Durch die Pandemie wurde unser Leben noch stärker computerabhängig. Der Optimist in mir sagt, dass das für uns Alte ja gut ist. Ich kann mir etwa beschwerliche Amtswege sparen. Wer heute die 60 überschreitet, hat meist aus dem Beruf langjährige Erfahrung mit Computer und Internet: In keiner anderen Altersgruppe ist in den letzten Jahren die Zunahme der Internetnutzung so sprunghaft angestiegen wie bei den 60+. Sie unterscheiden sich kaum mehr von den Jüngeren.
Also kann der Staat ruhig alle sein Bürger ins „digitale Amt“ einbestellen, können Banken für reale Dienstleistungen am Schalter Gebühren verlangen, die man im Internet vermieden hätte?
Nein.
Gerade bei der Digitalisierung müsste Vater Staat (und nicht nur er) einmal auf seine Bürger eingehen. Für 60, 70jährige ist der Computer Alltag, für 80, 90jährige (das sind mehr als eine halbe Million Österreicher!) oft etwas Fremdes. In keiner anderen Altersgruppe packt man 40 Lebensjahre unter einen Hut. Zwischen einem Kleinkind und einem 39jährigen wird natürlich differenziert. Nur wir sind eine graue Masse: Alt ist alt ist alt – ob 60 oder 100.
Und aus Erfahrung wird Vater Staat auch noch dumm. Schon bei der Corona-Impfanmeldung vor mittlerweile fünf Jahren war für viele der rund 1,25 Millionen (vulnerablen!) Über-70jährigen das Internet eine Hürde. Die zwang man in die stundenlange Warteschleife am Telephon oder machte sie von fremder Hilfe abhängig.
Doch daraus hat man nichts gelernt. Auf ein Wiener Bezirksamt darf man nur mit Online-Anmeldung (oder nach elendslangen Anruf-Versuchen). Und jetzt der staatliche Reparaturbonus: Man muss ja nicht jedes elektrische Gerät gleich wegwerfen, nur weil die Reparatur teurer ist als ein Neukauf. Super! Aber: Den Reparaturbon muss man sich aus dem Internet herunterladen, nur dann bekommt man einen Teil der Kosten ersetzt. Dabei ist es gerade die älteste Generation, die noch gerne etwas richten ließe und bei der hohen Inflation Probleme mit den Finanzen hat.
Und wieder ist eine Chance vertan, alte Menschen nicht auszuschließen und in Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Resignation zu treiben. Vertan ist auch die Chance des Staats, Vorbild für die Wirtschaft zu sein, die vieles teurer macht, was nicht im Internet erledigt wird. So gibt‘s ausgerechnet die günstigen Sparschiene-Tickets der staatlichen ÖBB nur online. Darf ich mit 80 nicht mehr günstig verreisen?
In Spanien haben sich die Alten zu wehren begonnen. Das ist auch bei uns überfällig. Denn der Satz „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner“ ist für niemanden zutreffender als für uns Alte.
P.S.: Bis bald – in vier Tagen!
Dafür bin ich noch nicht alt genug!!!
So trügerisch er auch ist, der Eindruck, dass nur die Umgebung altert, aber man selbst jung bleibt, lässt sich schwer vertreiben. Man könnte nachgerade zum Philosophen werden, wenn man über dieses alterslose, seltsam faltenfreie und über den Jahres-Tatsachen stehende „Ich“ nachzudenken beginnt.
Es geht halt beim Altern, vor allem beim innerlichen Altern, nicht um das „ob“ (ist ja unvermeidlich), sondern nur um das „wie“. Im Laufe eines langen Lebens hat man sich dafür vollkommen unmerklich ein Arsenal von unüberprüften „Weisheiten“ zugelegt, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und einem den Spaß am Alter verderben.
Die Denkfallen sind ausgelegt – von jedem selbst.
Das weit verbreitete Mantra „Dafür bin ich zu alt“ ist so eine Hymne der widerstandslosen Kapitulation.
Aber weil das alte Herz gerade Sommersonnen-Sprünge macht, ist es Zeit für eine wilde Kehrtwende: Weg mit diesen grauen Sprüchen, her mit dem sonnengefluteten Alter!
Wie wär’s zur Abwechslung mit einer positiven Denkschiene? Zum Beispiel: „Ich bin noch nicht alt genug für…“
Ich bin noch nicht alt genug, den wilden Rhythmen, die aus Enkelkindes Zimmer dröhnen, nicht tanzend nachzugeben (freilich: nur wenn kein Enkel zuschaut, man will ja nicht peinlich sein…) Die „würdevolle Alte“ heb ich mir für später auf. Oder verschiebe sie gleich auf den St. Nimmerleinstag.
Ich bin auch noch nicht alt genug, um mit dem Pläneschmieden aufzuhören. Schon klar: die Gegenwart zählt, aber die Zukunft umso mehr, je weniger man davon hat. Und Vorfreude ist nun einmal herrlich seelenwärmend.
Ich bin auch noch nicht alt genug, um mich den körperlichen Unzulänglichkeiten widerstandslos zu beugen. Es geht so vieles – noch, auch wenn’s Anstrengung kostet. Und vieles geht „with a little help from my friends“, wovon ich als niemals altmodischer Beatles-Fan ein Lied singen kann. Denn: Ich bin noch nicht alt genug, um aufzugeben.
Ich bin einfach noch nicht alt genug, um keinen Spaß am Leben zu haben. Wem hilft’s denn schon, wenn ich damit hadere, dass vieles nicht mehr ist, wie es war (na und?) – und ehrlich: wen interessiert’s? Ich bin noch nicht alt genug, die Veränderung und das Neue nicht auch lieben zu können.
Alt sein, wirklich alt, kann ich später immer noch.
P.S.: Na dann, in vier Tagen wieder!
