DIE ALTE

ALT SEIN IST KEINE KATASTROPHE

Schöner Rat ist selten

Warum will man uns das Altsein immer noch weiter erschweren? Als ob die Zipperchen und Zapperchen, mit denen wir uns herumschlagen müssen, nicht schon heftig genug wären. Die steifen Glieder, die aus dem geplanten Sprung aus dem Bett ein morgendliches akrobatisches Kunststück machen – der Morgenclown. Die Verknotungen und Verrenkungen, die wir durchführen müssen, wollen wir uns vom unsanft und unbeabsichtigt besuchten Boden wieder erheben – eine herkulessische Anstrengung für die Lust am aufrechten Gang.

Nein, das reicht ihnen nicht, all den jungen und mittelalterlichen Weisen, die wissen wollen, wie das Altsein geht. Haben die eine Ahnung! Da erlegen sie uns auch noch Kasteiungen auf (Kein Tropfen Prosecco! Jeder Schluck Alkohol ist Gift!) , nötigen uns zum Schrittezählen (Mindestens 7000 pro Tag!) – und das genügt ihnen auch schon wieder nicht, jetzt muss Alterchen beim Ausschreiten auch mindestens dreimal ins Schwitzen kommen (dreißig Sekunden laufen, dann zehn Minuten gehen und das immer wiederholen!), als ob wir Rehlein wären – haben die noch nie das nicht gerade ästhetische Erlebnis gehabt, wenn sich ein Vierteljahrhundert abgenützter Knochen zum Laufen aufschwingt?! Essen soll bunt, aber aber selten sein (20 verschiedene Lebensmittel täglich, aber bitte nur zwischen 6 und 13 Uhr – der Rest ist zwar nicht Schweigen, aber Intervallfasten). Und immer heißt es: Wenn Sie sich täglich viele Stunden quälten, leben Sie sicher mindestens drei Minuten länger. Naja. Dafür trink‘ ich kürzer.

Alters-Ratgeber, die Freude, Lust und Lachen empfehlen, die die gesunde Wirkung betonen, wenn wir auch als Alte täglich das Wunder Leben feiern, sind mehr als rar. Darum verdienen sie besondere Aufmerksamkeit. Gerade ist mir eine solche goldene Nadel im Heuhaufen der sauertöpfischen Altersempfehlungen untergekommen – die will ich Ihnen nicht vorenthalten.

Es gibt neben richtiger Ernährung (oje), ausreichend Schlaf (huch, aber wie?), gezielter Bewegung (gähn) und dem Aufenthalt in der Natur (ja, ja und nochmals ja) eine „vergessene fünfte Säule“, die die Gesundheit unterstützt. Das haben diverse groß angelegte medizinische Studien herausgefunden: Kunst und Kreativität haben eine handfeste positive Wirkung auf unsere geistige und körperliche Gesundheit.

Und man muss kein Mozart, kein Michelangelo, kein Paul Celan sein. Singen mit dem Enkelkind hilft, aber auch ein Musikstück wirklich anhören (nicht daneben herplätschern lassen). Der ungeschickteste Versuch, den wunderschönen Baum, der Cezanne begeistert hätte, selbst aufs Papier zu bannen, hilft. Ein Museumsbesuch auch. Und die künstlerische Kreativität ist nicht auf die „hohen“ Künste beschränkt – nein, auch eine Torte zu dekorieren ist künstlerische Betätigung oder eine Neukreation im Kochtopf. All diese angenehmen Betätigungen, so zeigen umfangreiche medizinische Studien, verzögern den Verfall unserer geistigen Fähigkeiten, mindern das Risiko von Herzerkrankungen und erhöhen das Wohlbefinden im Alter.

Bücher zu lesen, so fand man heraus, lässt länger leben.

Natürlich: Es geht dabei immer ums Ganze. Um die ganze Aufmerksamkeit, das tiefe Engagement, das vollständige Eintauchen in das Kunst-Erlebnis oder auch die volle Konzentration auf die ungelenken Schritte beim Entdecken der eigenen Kreativität.

Ist das nicht schön? Solche Alters-Ratschläge befolgt man doch gern – endlich einmal nicht das Verdammtwerden zu Askese und Verzicht. Darum: Auf ins Museum und schon schenkt ihnen Gustav Klimt eine Stunde (?) Lebenszeit. Und wenn’s nicht mit der Verlängerung klappt, so hat er Ihnen Lebenszeit voll Freude geschenkt. Ist ja fast noch wichtiger.

Übrigens: Sollten Sie mich tadelnd fragen, warum ich mich mit diesem Beitrag um einen Tag verspätet habe – jetzt wissen Sie’s: Die Alte war im Museum und hat dort die Zeit vergessen. Pardon.

P.S.: Nächstes Mal wieder pünktlich: Auf Wiederlesen in vier Tagen!

Zum Altern verurteilt

Darf sich ein alter Mensch beklagen, dass die Zeit vergeht, oder ist das nur leicht senile Wehleidigkeit gegenüber dem Unabwendbaren? Klingt einfach und doch ist es verzwickt, eine Antwort auf diese scheinbar so schlichte Frage zu finden.

Seit Jahren hat mir die Wissenschaft einreden wollen, dass wir auf dem besten Weg Richtung – naja, sagen wir halt: beinahe – Unsterblichkeit sind. Der erste Mensch, der 1000 wird, sei schon geboren, tönt es aus dem Mund mancher Biogenetiker, in den sie täglich irgendwelche Pillen stopfen, die ihnen mindestens 150 Kerzen auf der (letzten) Geburtstagstorte sichern sollen. Sollten solche Optimismus-Übungen einem anderen Zweck gedient haben, als enorme Aktiensprünge von Pharma-Unternehmen zu verursachen, ist’s jetzt damit vorbei. 

Die neueste wissenschaftliche Arbeit kommt nämlich zu dem Schluss, dass wir zum Altern verurteilt sind. Und dass wir nicht deshalb eine längere Lebenserwartung haben als unsere Vorgänger-Generationen, weil der Mensch sich auf dem Weg zur Unsterblichkeit befindet, sondern nur deshalb, weil der Fortschritt es ermöglicht hat, unsere späten Jahre überhaupt zu erreichen. Wer Geburt, Masern, Blinddarm und ähnliche Gefahrenmomente mit der segensreichen Hilfe der Medizin erfolgreich bewältigt hat, ausreichend Nahrung vorgefunden und zivilisatorischen Schutz vor aller möglichen Unbill genossen hat, erreicht eben ein höheres Alter. Beliebig ausdehnbar ist die gewonnene Zeitspanne allerdings nicht, besagt die neueste wissenschaftliche Erkenntnis. Und wir sagen: Ah geh, da sind wir jetzt aber überrascht.

Ich hatte ja schon länger den Verdacht, dass hinter diesen Unsterblichkeitsphantasien handfeste Marketing-Strategien stecken. Eigentlich hätte uns schon der Name stutzig machen sollen: „Anti“-Ageing. Als ob gegen das Vergehen der Zeit ein Kraut gewachsen wäre. 

Noch schlimmer. Diese neueste Erkenntnis, die uns Alte nur ein Lächeln kostet, entlarvt eine riesige, weltweite Fehlinvestition: Mit der finanziellen Unterstützung von Regierungen, Wirtschaft, der akademischen Welt und privater Investoren wurde eine 110 Milliarden Dollar schwere Industrie aufgebaut, die mithilfe der Genforschung und der künstlichen Intelligenz den Stein der Weisen finden sollte, wie man Alter verhüten, ja sogar den Alterungsprozess rückgängig machen könnte. Noch sind die Weichen so gestellt, dass sich diese Investitionen bis jetzt auf 610 Milliarden Dollar erhöhen werden.

Man mag mir infantile Altersnaivität vorwerfen, wenn ich mich über eine so massive Geldverschwendung nur wundern, sie aber nicht be-wundern kann. Was könnte man mit diesen Riesensummen nicht alles bewirken, so dass immer mehr Menschen mit immer mehr Lebensqualität älter werden dürfen. Nur eines kann man auch mit noch so vielen Milliarden sicher nicht: die Zeit rückwärts laufen lassen. 

P.S.: Die verurteilte Alte meldet sich wieder – in vier Tagen!

Wenn die Liebe platonisch wird

Darf sich eine Alte klammheimlich darüber freuen, dass jemand noch mehr Geburtstagskerzen ausblasen muss als sie selbst? Oder ist das nur der untaugliche Versuch, noch einmal das Wort „jung“ auf sich selbst anzuwenden? (Freilich: Der dafür benötigte Komparativ ist etwas sehr Relatives – zwischen „jünger als das neue Jahrtausend“ und „jünger als ein Steinzeitfossil“ liegen Äonen.)

Nun denn: Feiern wir den Alten. Und zwar lautstark (schon deshalb, weil ich jünger bin, ätsch!). Er wird heuer 80! Der Bikini!

Sollten Sie, geneigter Leser, befürchten, dass dieses kleine gedruckte Geburtstags-Ständchen nur für das schönere Geschlecht bestimmt ist, möchte ich Sie daran erinnern, wie viel Freude der Jubilar gerade Ihnen über all die Jahre gemacht hat – und immer noch macht… 

Wahrscheinlich erinnert sich jede von uns an ihren Ersten. Welches Glück, ihn – ein Riesen-Unding als Zeitzeuge eines prüden Zeitalters – sein Eigen nennen und auch noch in aller Öffentlichkeit tragen zu dürfen! Mein erster war in winzigem rosa Vichy-Karo, himbeerrot eingefasst. Nie mehr habe ich einen so außergewöhnlich schönen besessen – wohl, weil die Bikinis zur sommerlichen Normalität schrumpften. (Was sich so alles ins Gedächtnis eingebrannt hat, während mir in Windeseile entschwindet, wo ich vor wenigen Minuten meine Lesebrille abgelegt habe. Jaja, das Langzeitgedächtnis!)

Wenn man der elfjährigen Nachbars-Enkelin davon erzählt, wie gewagt dieser Zweiteiler seinerzeit zu meiner Zeit war, dann erhält man einen Blick, als sei man die letzte Vertreterin des Neandertals. Doch bevor ich aushole, die Vorlesung über das modische Weltbeben, symbolisch benannt nach dem Atoll, das die Atomversuche über sich ergehen lassen musste, zu einem spannungsgeladenen Höhepunkt zu bringen, fällt mir meine Großmutter ein. Und meine Kinder-Gedanken, wenn sie mir davon erzählte, welche Sensation es gewesen ist, als sie den Kaiser gesehen hat. Omi, hast Du auch noch die Ritter gekannt? 

Darum hatte ich mir immer vorgenommen, meinem Enkel nicht zu viel von „früher“ zu erzählen – zu schnell wechselt man dadurch von „alt“ nach „uralt“. Und deshalb fasste ich auch den Entschluss, über die technischen Alltags-Entwicklungen zumindest ansatzweise am Laufenden zu bleiben. Man möchte ja in den geliebten Enkelaugen kein Steinzeitmensch sein. 

Den Entschluss, eine lebenslange Liebe platonisch werden zu lassen, habe ich schon viel früher gefasst. Auch wenn es uns Zeitgeist-Magazine einreden wollen: Der Bikini ist auch auf dem Körper einer 76jährigen ehemaligen Schönheitskönigin nicht schön. Er ist etwas für junge, schöne Körper und nicht die geeignete Waffe für Aktivistinnen gegen Altersdiskriminierung. Das macht aber nichts. Jedes Ding hat seine Zeit. Und seien wir ehrlich. Wir werden nicht schöner im Alter. Aber besser. Und weiser. (Oh, die Lesebrille! Sie sitzt auf der Nase…)

P.S.: Die Alte kommt wieder – in vier Tagen!

Wer ist die Alte?

Sie haben ihr etwas zu sagen? Bitte sehr…
briefkasten@diealte.at

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Die Alte schäumt

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