Ich will nicht „gut“ werden!!!!
Nicht einmal mehr die Unterhaltungsindustrie kommt an den Alten vorbei. Sie werden eben immer zahlreicher und selbstbewusster. Logisch, dass das Alter zum Thema wird. In unseren Breiten geht’s zwar meist noch sehr angestrengt um Hinfälligkeit, Generationenkonflikt und (zeitlich gesehen einigermaßen daneben) Vergangenheitsbewältigung. In Frankreich, England, Spanien etwa und in den USA ist das Themenspektrum reicher.
Manchmal darf herzlich gelacht werden, ohne dass die bejahrten Protagonisten jemals lächerlich gemacht würden – in guter Nachfolge der „Golden Girls“ der 80er jetzt etwa bei „Grace und Frankie“. Manchmal wird recht klischeehaft die Enkel-Liebe zur dementen Großmutter oder zum wortkargen, vereinsamten Opa gefeiert. Auch die von der Gesellschaft oft scheel beäugte sehr (aber nicht: zu) spät erwachende Liebe zwischen zwei alten Menschen wird ohne Kitsch und Vorurteil und trotzdem poetisch geschildert.
Ja, die Alten sind ein Thema. Ein gutes Sujet.
Gut: Das ist das eigentliche Reizwort. Ein Erzählstrang wird ärgerlicherweise allzu oft bemüht: ein böser Mensch wird alt und plötzlich, völlig unerwartet, engelhaft gut. Der skrupellose Wirtschaftsboss hat einen Schlaganfall, kann dann zwar nicht mehr verständlich sprechen, aber wird zum selbstlosen Gönner der alleinerziehenden Putzfrau. Oder der kokainabhängige Popstar erinnert sich zu einem sehr runden Geburtstag, dass es einen Sohn gibt, den er nie gekannt hat – und schon hilft der verlorene Vater dem spät gefundenen Sprössling die Krebserkrankung zu überstehen. Oh, wie gut (ach, wie schlecht, sogar wenn Al Pacino spielt)!
Ich frage mich: Warum erwartet man, dass ein Mensch, wenn er alt wird, automatisch gut wird (wenn er es früher nicht war)? Ist das ein geheimer Mechanismus (der mir verborgen bleibt) oder nur eine gesellschaftlich erwünschte tektonische Veränderung der Innenwelt, die den Umgang mit den Altvorderen problemloser machen würde? Darf ich nicht weiter meine Schrullen haben, auch wenn sie für meine Umwelt anstrengend sein mögen? Darf ich nicht weiter meine Nächstenliebe nur auf Familie und Freunde richten? Warum soll mich die Last der Jahre zur Umkehr zwingen?
Erfahrungsgemäß verstärken sich die guten wie die schlechten Eigenschaften mit den Jahren. Die Aufgabe, die Selbstkritik nicht zu verlieren, ist schwierig genug. Man will ja schließlich kein böses altes Weib werden und in der Vereinsamung stranden wie ein verirrter Wal. Aber die unverhoffte Güte der silbergrauen Jahre – das halte ich für eine Illusion. Manchmal ist keppeln auch ganz schön….
P.S.: Und immer wieder Freitag….
Und sie lernen doch, die Alten!
Heute räumen wir einmal mit einem Vorurteil auf: Wer alt ist, will/kann nichts mehr dazu lernen?
Was für ein Unsinn – wenn auch leider ein äußerst wirkmächtiger und resistenter, der viele ältere (also noch gar nicht alte) Arbeitssuchende um ihre Chancen auf einen Job bringt. Das ist die schlimmste Folge. Wer nicht mehr im Erwerbsalter steht, der spürt die Last dieses Vorurteils manchmal in herablassendem Ton, manchmal in infantilisierender, bisweilen in ausgrenzender Reaktion. Auch nicht angenehm.
Dabei ist dieses Vorurteil – wie so viele andere – schlicht und einfach falsch.
Wer alt ist, muss ständig dazu lernen, umlernen, neu lernen – muss flexibel sein, sich täglich auf Neues einstellen.
Und der Alte muss mancherlei auch ent-lernen.
Da gibt es seit dem Einzug von E-Mails und Smartphone in den (Arbeits-)Alltag das Zauberwort des „Multitasking“, das die jüngeren Semester für sich gepachtet zu haben glauben. Naja, wir hatten vielleicht dieses hübsche denglische Wort noch nicht und haben darunter vielleicht auch nicht verstanden, gleichzeitig ein Kunden-Gespräch zu führen, eine E-Mail abzuschicken und das allerneueste Photo der Freundin auf Facebook zu bewundern. Aber wir haben auch schon simultan einen Kinderstreit geschlichtet, das Gulasch umgerührt und innerlich den Zeitplan festgelegt, um rechtzeitig zum Impftermin beim Kinderarzt zu erscheinen (um den Alltag einer multitaskenden Mutter als Beispiel zu nehmen).
Beide Arten des „alles gleichzeitig und nichts ganz“ sind nicht gut. Das wissen Arbeitspsychologen, Verkehrsexperten, Qualitätsmanager – und nicht zuletzt wir selbst (in Augenblicken der Ehrlichkeit).
Besonders bei „Kleinigkeiten“ müssen wir Alte das altgewohnte „Multitasken“ ent-lernen und ein bewusstes „Unitasking“, die Konzentration auf die eine und sei sie noch so nebensächliche Sache lernen: Wenn ich beim Weggehen nicht mit der Freundin telephoniere – und somit multitaske -, erspare ich mir drei Häuserblöcke weiter die quälenden Fragen: Habe ich jetzt das Bügeleisen abgesteckt? Habe ich die Tür zugesperrt? Soll ich nicht doch lieber noch einmal zurückgehen?
Wir lernen ständig um – schon, weil die Verminderung der Körperkraft oder manch leichte physische Einschränkung dazu zwingt, festgefahren Alltägliches anders zu machen. Wir lernen ständig dazu – so lange es geht -, und das machen wir gerne, denn wir haben gelernt, dass diese Welt ständig in Bewegung ist und dass man mithalten muss mit ihr, wenn man sie liebt.
Nein, wir versteinern nicht. Wir bleiben nicht zurück.
Auch wenn wir nicht bei jedem Blödsinn mitmachen müssen. Denn auch das ist ein Luxus unserer Altersfreiheit: Wir können uns aussuchen, was wir dazu lernen, umlernen, neu lernen. Soll Alter denn gar keine Vorteile haben? Na eben. Wir müssen nur lernen, unsere Vorteile zu nützen.
P.S:: Bis nächsten Freitag, Pardon, bis nächsten. Alte-Tag!
Die Wunder alter Kinderaugen
Dürfen Alte noch an Wunder glauben? Sollte sie das Leben nicht über all die Jahre eines Besseren belehrt haben?
Im Gegenteil.
Laut Albert Einstein gibt es ja nur zwei Weisen, die Welt zu betrachten: Entweder man glaubt, dass nichts auf der Welt ein Wunder sei, oder aber, dass es nichts als Wunder gibt.
Ich bekenne: Ich gehöre mit ziemlicher Sicherheit zu letzterer Kategorie – zumindest an den guten Tagen und wenn die Sonne scheint. Und das wirklich Eigenartige daran ist, dass diese weltverzaubernde Sicht der Dinge sich erst mit dem Altwerden eingeschlichen hat. In jüngeren Jahren waren die Ereignisse, denen ich das Etikett Wunder anheftete, sehr, sehr rar.
Vielleicht, so frage ich mich, hatte ich einfach viel zu viel zu tun, um sie – so wie jetzt – überall zu sehen? Vielleicht auch hat man in jungen Jahren gar nicht die Zeit, auf ein Wunder zu warten – das meiste muss man einfach selbst erledigen. (Und in der Rückschau ist es schon fast ein Wunder, was man da alles bewältigt hat.)
Jetzt muss ich gar nicht warten. Jetzt sind sie überall.
Dabei ich kann recht gut unterscheiden zwischen einem Wunder und dem Fortschritt, der Wunder bewirkt. Wie anders könnte man denn beschreiben, was uns die Medizin an Lebensqualität und Lebensspanne schenkt? Was uns die Technik an Möglichkeiten eröffnet – vom Überwinden von Entfernungen bis zum Blick in die unendlichen Sternentiefen?
Auch aus diesen wunderbaren Dingen besteht die Welt – die aber ohnehin voller Wunder ist, die ich erst jetzt sehe. Manchmal keimt in mir die Vermutung, dass wir – einmal befreit von den vielen Lasten und Pflichten, die das Leben in jüngeren Jahren freilich nicht nur, aber auch ausmachen – wieder den unbeschwerten offenen Blick der Kinder zurück-bekommen. Nein, wir werden nicht infantil (und ich wehre mich dagegen, mich so behandeln zu lassen). Aber vielleicht haben wir schlicht wieder genügend Zeit, richtig zu schauen. Und genügend Offenheit, richtig zu sehen. Oder sind einfach kurzsichtig genug, das Wunder im Kleinen zu erkennen.
Zum Beispiel das Wunder der Blattnarben. Wahrscheinlich habe ich in den Naturgeschichts-Stunden (jaja, so hieß das damals) nicht genügend aufgepasst – aber dieses Wunder der Natur ist dort nicht vorgekommen: Dass die Narbe, die das Kastanienblatt hinterlässt, wenn es abfällt, aussieht wie ein Kastanienblatt? Oder das Nussbaumblatt wie eine Nuss?
Plötzlich weiß man wieder, dass der Alltag, der ja das Leben ist, nicht so einfach dahinplätschert, sondern voller Wunder ist, wo immer man auch hinschaut. Man muss sie nur entdecken und enttarnen. Und sich darüber freuen.
Natürlich: Das sind Alltagswunder, die in tragischen Tagen von Krankheit oder Verlust, wo nur mehr das große Wunder helfen könnte, nicht zählen. Aber sogar dann: Wo wären wir ohne sie?
P.S.: Nicht vergessen: Freitag ist Alte-Tag!
